Leben in Gemeinschaft

spirituell, ökologisch und sozial

Sigrid Beckmann-Lamb und die Mutter-Erde-Gemeinschaft

Etwa eine Autostunde östlich von Köln treffen wir auf die Landesgrenze von Nordrhein­westfalen und Rheinland-Pfalz. Hier endet das Oberbergische Land und der Westerwald beginnt. Eingebettet in eine bewaldete Hügellandschaft befindet sich der kleine Ort Forst mit dem Ortsteil Seifen. Seifen liegt in einem wunderschönen, langgezogenen Tal, dem Holpebachtal, und ist umgeben von den kleinen Ortschaften Ölmühle, Kaltau und Seifermühle.

Obwohl kaum mehr als 200 Seelen zählend, ist Seifen doch weit über seine Grenzen hinaus bekannt, denn hier ist eine Initiative entstanden, deren Impulse zahllose Menschen beflügelt und ihnen zu einer besseren Lebensqualität verholfen hat. Sigrid Beckmann-Lamb: „Die Ministerien für Bildung, Frauen und Jugend haben ein Fortbildungsprogramm geschaffen: Zukunftschancen für Kinder, Bildung von Anfang an. Das ist ein sehr gutes Programm, um endlich aus dem Schlusslicht von Pisa herauszukommen. Und daran wollen wir uns beteiligen."

Die Mutter-Erde-Gemeinschaft

In dieser alten, efeubewachsenen, aufwendig restaurierten Seifener Dorfschule hat der Verein „Bildung und Mensch" seinen Sitz. Hier hat die Leiterin Sigrid Beckmann-Lamb ein Modell geschaffen, das nicht nur allgemeinen Vorbildcharakter hat, sondern heute dringlicher ist denn je. Dieses Modell umfasst zum einen das generationsübergreifende Zusammenleben von Familien und Einzelpersonen sowie das über die Grenzen von Nation, Religion und Kultur hinausgehende umsichtige  soziale Miteinander. Zum anderen beinhaltet es ein ganzheitliches Bildungskonzept unter dem Motto „Bildung von Anfang an", beginnend beim Waldkindergarten bis hin zur Weiterbildung für Senioren.

Eine langjährige Mitarbeiterin, die Lehrerin Jutta Buschmeier, fühlt sich hier am richtigen Platz: "Ich war 20 Jahre lang Lehrerin und engagiere mich jetzt seit einigen Jahren in der Mutter-Erde-Gemeinschaft. Mir macht es sehr viel Spaß, an einem konstruktiven Miteinander mitzuwirken und etwas Sinnvolles zu gestalten. Dazu gehören generationsübergreifendes Miteinander, Alt und Jung. Wir engagieren uns sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für ältere Menschen - getreu dem Motto „Gemeinsam statt einsam". Das heißt, dass die Nachbarschaftshilfe für uns eine Selbstverständlichkeit ist. Uns ist es wichtig, gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen tolerant zu sein, sonst sägen wir uns den Ast ab, auf dem wir sitzen. In der Mutter-Erde-Gemeinschaft werden die Kooperation mit der Natur groß geschrieben, ebenso gesunde, vollwertige Ernährung, der Schutz der Natur und die Sicherung der Lebensgrundlagen. Hier ist ein Ort, an dem eine gelungene Kombination zwischen Kultur und Natur stattgefunden hat. In der Mutter Erde Gemeinschaft sind alle meine Vorstellungen erfüllt, die zu einem sinnvollen Leben gehören, und das ist der Grund, warum ich hier bin."

Die Mutter-Erde-Gemeinschaft steht für:

Förderung von Familie, Bildung und Erziehung
Generationsübergreifendes, soziales Miteinander
Schutz von Leben in jeder Form, auch das von Tieren
Bildung und Kultur
Forum für interdisziplinärer Wissenschaft
Waldkindergarten und private Ersatzschulen

Fragen an die Gründerin Sigrid Beckmann-Lamb

Frage: „Sie sprechen vom generationsübergreifenden Zusammenleben und von einem umsichtigen sozialen Miteinander. Darf ich fragen, was Sie darunter verstehen?"

Antwort: „Ich verstehe darunter folgendes. Früher war es normal, daß die Menschen in einer Familie über mindestens drei Generationen hinweg zusammenlebten. Heute ist es so, daß wir unsere Kinder in Kindertagesstätten schicken, daß wir die alten Menschen, unsere Eltern und Großeltern, in Altenheime bringen und sich die Generationen somit immer mehr entfernen. Für mich war es noch selbstverständlich, daß ich bei meinen Großeltern alles miterlebte, daß meine Urgroßeltern mir sogar noch vertraut waren und bei beiden ging ich ein und aus. Ich bin der Meinung, daß es mehr als nur einer Generation bedarf, um Kinder richtig und gut groß werden zu lassen. Ich halte Geschwister, Verwandtschaft und auch die Großeltern bzw. Urgroßeltern für ganz wichtige Faktoren. Natürlich gibt es Situationen, wo sich das familiäre Zusammenleben äußerst schwierig gestaltet. Dann ist es wirklich besser, man geht auseinander und lebt sein eigenes Leben. Die Tatsache aber, daß heute viele Großeltern überhaupt keinen Kontakt mehr zu ihren Enkelkindern haben, die Tatsache, daß viele mir persönlich bekannte alte Menschen in Altersheimen vereinsamen und dahinvegetieren, finde ich ganz unerträglich. Auch die Tatsache, daß viele Kinder den ganzen Tag in Kindertagesstätten verbringen müssen, ist für mich nicht hinzunehmen. Ich bin der Meinung, die Mütter sollten bis zur Einschulung ihrer Kinder ein volles Gehalt bekommen, denn die Bildung der Kinder, gerade der Kleinkinder, ist für das Gesamtwohl des Kindes und für einen gesunden Staat von höchster Bedeutung.

Beziehung hat immer auch mit Verantwortung zu tun. Verantwortung nicht nur in Bezug auf die eigene Familie, sondern allem Lebendigen gegenüber. Deshalb setzen wir uns im Rahmen unserer Möglichkeiten dafür ein, dass das Schöne auf unserer Erde erhalten bleibt, und das Leid für Mensch und Tier nicht noch vergrößert wird."

Frage: „Was hat Sie zum Aufbau einer interdisziplinären und interkulturellen Bildungsstätte bewogen?"

Antwort: „Zum einen eine Erkrankung vor vielen Jahren und zum zweiten der Tod des ersten Kindes. Beide Umstände bewogen mich, Medizin studieren zu wollen. Nur kann ich leider kein Blut sehen und so habe ich mich damit begnügt, Ärzte und Naturwissenschaftler zu mir nach Hause einzuladen und auf diese Weise meine eigene Bildung und der Fortbildung meiner Freunde und Bekannten dienlich zu sein. Der Impuls zu einer interkulturellen Bildungsstätte erwuchs aufgrund der Tatsache meiner vielen internationalen Reisen. Ich hatte schon als junger Mensch das Glück, viel und weit reisen zu können. Dort kam ich zwangsläufig in Kontakt mit anderen Kulturen und Lebeweisen. Der Kontakt mit anderen Völkern zeigte mir, daß wir als Deutsche, als Weiße, als Christen keineswegs unbedingt die Krone der Schöpfung darstellen. Ich lernte sehr viel Weisheit, sehr viel Menschlichkeit und große Humanität bei anderen Völkern und Religionen kennen. Diese Begegnungen rangen mir Respekt ab und heute bin ich der Meinung, daß wir gar nicht früh genug Respekt vor Andersartigem entwickeln können. Nur wenn wir Respekt haben, können wir Anderes auch wertschätzen. Nur dann können wir jene Toleranz entwickeln, die wir zu einem konstruktiven und gewaltarmen Miteinander gebrauchen."

Frage: „Sie haben im Laufe ihres Lebens nicht nur viele Länder der Erde bereist und herausragende Persönlichkeiten kennengelernt. Sie sind auch jetzt noch viel unterwegs. Was halten sie aufgrund Ihrer Erfahrungen derzeit für das Wichtigste?"

Antwort: „Diese Frage lässt sich sehr leicht beantworten: Wie alle Persönlichkeiten, die ich kennengelernt habe, halte ich den Erhalt bzw. die Schaffung des sozialen Friedens für das Allerwichtigste. Dafür ist umfassende Bildung eine wesentliche Voraussetzung. Bildung unterscheidet sich von bloßer Wissensvermittlung dadurch, dass sie Mitgefühl und Verantwortung für anderes Leben mit einbezieht. Wir wollen der Destruktivität unserer Zeit etwas Positives entgegensetzen. Deshalb haben wir uns zusätzlich zu unseren eigenen Aktivitäten mit dem rheinland-pfälzischem Konzept „Bildung von Anfang an" vertraut gemacht. Wir halten es für ganz ausgezeichnet und hoffen, dass es Schule machen wird."

Frage: „Sie sind die Urheberin der SBL-Methode. Was ist darunter zu verstehen?"

Antwort: „Diese Methode enthält die Essenz meiner Lebenseinstellung und Lebenserfahrung. Sie ist für Menschen gedacht, die mehr aus ihrem Leben machen möchten. Die persönlichen Erfolg mit Einsatz für das Allgemeinwohl verbinden und die ihre sozialen Beziehungen verbessern wollen. Für Menschen in der Lebensmitte, die neue Aufgaben suchen oder sich allgemein in einer Umbruchsituation befinden. Diese Methode kombiniert die unterschiedlichsten Techniken in der humanistischen, transpersonalen und initiatischen Psychologie gepaart mit Elementen der verschiedensten Erkenntniswege. Sie vertieft die emotionale Kompetenz, macht teamfähig, hilft aber auch Führungsqualitäten zu entwickeln und realistische Ziele zu setzen. Sie bringt den Menschen wieder in Kontakt mit sich selbst und damit in seine Kraft. Sie lehrt die Kunst des Zusammenlebens und verbessert das Sozialverhalten. Kurzum, sie steigert die Lebensqualität, lässt der Seele Flügel wachsen und bringt wieder Sonne in unser Herz."

Die Gartenanlage

Die theoretische Beschäftigung mit Natur- und Geisteswissenschaft in der Mutter Erde Gemeinschaft findet ihre praktische Entsprechung in einer schlichten aber liebevoll gestalteten Grünanlage. „Laßt uns in den Garten gehen, dort läßt sich besser denken", soll Sokrates gesagt haben. Dort läßt sich nicht nur besser denken, sondern im Sommer auch besser leben. Das Hegen und Pflegen der Anlagen macht Spaß. Ungespritztes Gemüse ist gesünder. Der Regenwurm und das Mulchen (Abdeckung mit einer Grasschicht) sorgen dabei für besten Humus. Die Natur ist ein einziges Wunder. Deshalb liegt uns der Erhalt der Artenvielfalt sehr am Herzen. Ob es sich um sie vielen Wildblumen handelt, die hier wachsen und gedeihen, oder was an Kleinstlebewesen am Boden kreucht und fleucht, alles Lebendige will leben, will sein dürfen. Eine Gartenanlage muß nicht teuer sein. Mit Wurzeln und Steinen läßt sich viel Schönes gestalten. Alles was wir gerne tun, mit Liebe tun, wird schön und freut sich mit uns.

In unserem Rundbeet werden die Setzlinge so angepflanzt, daß sich ein perfektes, mehrfarbiges Muster ergibt. Klarheit und Struktur im Denken und im Bewußtsein setzt sich auf diese Weise fort bis ins Physisch-Materielle. Im Gegensatz zu den oberen Beeten, wo Permakultur betrieben wird und alles durcheinander wachsen darf. Der Garten des Vereins bietet viele lauschige Ecken, in denen ungestört kontempliert bzw. rege diskutiert werden kann.

Die Natur ist ein hochintelligenter vernetzter Organismus. Alles ist genau aufeinander abgestimmt und wir begegnen diesem sensiblen Gefüge mit großem Respekt. Wir wollen das Schöne erhalten und freuen uns, alles in richtiger Weise hegen und pflegen zu können. Das spüren die Menschen, die hierher kommen und vielleicht besteht darin der Zauber dieses Fleckchens Erde, von dem so viele Besucher immer wieder berichten.

Eine kleine hauseigene Kapelle dient als Ort des Rückzugs - auch für Menschen aus anderen Kulturkreisen.

Kinder lernen durch Mitmachen

Kinder spielen bei uns eine sehr große Rolle. Sie werden durch Mitarbeiter und Gäste zwanglos mit einbezogen und sorgen für Lebendigkeit. Kinder sind ausgesprochen aufnahmefähig und helfen gerne mit. Deshalb führen wir sie schon in jungen Jahren an kleine Aufgaben des täglichen Lebens heran. Auf diese Weise lernen sie viele Dinge kennen und erleben auch die Freude des gemeinschaftlichen Tuns.

Sigrid Beckmann-Lamb: „Mit ähnlich gesinnten Menschen etwas Positives zu tun, etwas aufzubauen, ist sehr beglückend. Es erzeugt ein Gefühl von großer innerer Weite und gleichzeitiger Verbundenheit. Denn alles Leben ist Beziehung. Beziehung zu diesem und jenem. Immer stehen wir in Beziehung zu irgend etwas. So verstehen wir auch die gegenseitige Arbeitshilfe untereinander. Wenn eine größere Aktion ansteht, kommen Freunde und packen mit an. So wie früher, als Nachbarschaftshilfe noch selbstverständlich war. Beziehungsfähig werden bezieht sich nicht nur auf Zweierbeziehungen. Beziehungsfähig sein umfasst alle Bereiche des Lebens. Die Art, wie wir sprechen, wie wir Werkzeug und andere Materien behandeln, wie wir mit uns selbst umgehen. Der Grad unserer Beziehungsfähigkeit kennzeichnet den bewussten Umgang mit allem, was uns umgibt. Und an diesen Umgang sollten wir unsere Kinder so früh wie möglich heranführen.

Waldkindergarten „Wichtelfreunde"

Sigrid Beckmann-Lamb: „In meiner früheren Tätigkeit als Betreuerin jugendlicher Straftäter konnte ich die tragischen Folgen fehlender Bildung und mangelnder sozialer Kompetenz hautnah erleben. Wir sollten deshalb so früh wie möglich damit beginnen, unseren Kindern nicht nur umfassendes Wissen, sondern auch Einblick in Gesamtzusammenhänge zu vermitteln. Deshalb haben wir den Waldkindergarten Wichtelfreunde ins Leben gerufen. Hier lernen schon die Kleinen, wie man Leben achtet und Leben schützt. Dass sie dadurch bei der Einschulung einen großen Wissensvorsprung unter anderem in Natur- und Pflanzenkunde mitbringen, versteht sich von selbst."

Carmen (Erzieherin): „Mir ist es immer wieder wichtig, dem Kind Zeit zu lassen, seinen natürlichen Entdeckergeist und seine natürliche Lernfreude zu erhalten."

Christa (Lehrerin): „Wenn ich die Kinder sehe, dann bin ich sehr berührt von der Herzensbildung, die ich wahrnehme, und deswegen ist es mir wichtig, hier zu sein und den Kindern zu helfen, dass sie diese Herzensbildung nie verlieren."

Miriam (Mutter): „Ich möchte, dass meine Kinder in einer gewaltfreien Umgebung aufwachsen und ich möchte ihnen bleibende Werte wie Mitmenschlichkeit und Toleranz mit auf den Weg geben. Dafür bietet die Mutter-Erde-Gemeinschaft mit seinen lebensbejahenden Menschen für uns einen idealen Hintergrund. Wir sind hier wie in einer großen Familie. Jeder hilft dem anderen. Ich kann mir keine bessere Heimat für meine Kinder vorstellen. Kinder brauchen Geborgenheit, Stetigkeit und liebevolle Anleitung. Dann haben sie ein festes Fundament, um positiv ins Leben zu gehen. Wer den Frieden im Großen möchte, sollte den Frieden in der Familie fördern, denn dieser ist die Keimzelle eines gesunden Staates. Die Kinder sind unsere Zukunft. Deswegen ist es mir besonders wichtig, dass auch die alten Werte wie Höflichkeit und Rücksichtsnahme gegenüber anderen und allen Geschöpfen gefördert werden."

Ausblick

Sigrid Beckmann-Lamb: "Viele von Ihnen kennen die berühmte Rede Martin Luther Kings, in der er von der Bruderschaft der Menschheit spricht. Von seinem Traum, seinen Hoffnungen und der Macht der Seele. Walt Whitman, Ernesto Cardinal, Pablo Neruda und unzählige andere haben diesen Traum auch geträumt. Er ist auch der unsere. Deshalb versuchen wir, ihn wenigstens im Kleinen, im persönlichen Leben anzustreben und zu verwirklichen. Was wir meines Erachtens mehr denn je benötigen, ist ein neuer globaler Humanismus. Nations- und religionsübergreifend, in welchem sich die Menschheit als eine gemeinsame Spezies erkennt. Als gemeinsame Bürgerschaft dieser Erde und nicht als getrennte Nationen im Kampf gegeneinander. Deshalb möchte ich Sie ermutigen, sich für das Leben einzusetzen, für die Gleichberechtigung aller Völker, für das Recht auf Unversehrtheit von Mensch und Tier. Denn die Erde ist für alle da und jedes Geschöpf ist ein Kind der Erde. Wagen wir es, den Traum einer geeinten Menschheit weiterzuträumen, die Vision eines würdigen Lebens für alle, dann wird diese Vision vielleicht eines Tages Wirklichkeit werden."

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